sommerszene blog


China im Fieber
Juni 28, 2007, 3:04
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Mit Report on 37.8° ist dem Living Dance Studio eine sensible, poetische Zustandsbeschreibung der chinesischen Gesellschaft gelungen, in der längst schon amerikanische Dollar, Coca Cola & Co die Karten mischen. Die Epidemie Sars und der Umgang damit bloß Symptome des rasanten gesellschaftlichen Umbruchs. Die Ökonomie tritt kräftig in die Pedale, der soziale Rückschritt als Nebenwirkung des wirtschaftlichen Aufschwungs hinterlässt einen schalen Geschmack.

Während die Krankheit den auf Hochtouren laufenden Fortschrittsmotor zu bremsen droht, scheint sie den Abbau sozialer Strukturen zu beschleunigen. Es wird um jeden Platz (spielerisch zuerst, zunehmend verbissener dann) gekämpft. Man verliert den Blick auf das Wesentliche im Kampf aller gegen alle, der Mensch gebeutelt und ein Schatten seiner selbst. Es bleiben Hysterie und Angst.

Warten, was kommt, während Geschwüre wie aus dem Nichts auftauchen, sich durch die Grundfesten der Gesellschaft fressen, zuerst unbemerkt, und schließlich aufbrechen. Sichtbar wird das Dahinter, das bislang Verborgene, Hässliche. Report on 37.8° ist eine eindringliche Studie über menschliche und soziale Abgründe. Die latente Angst, die fiebrige Ahnung, dass etwas aus den Fugen geraten ist, bestimmen das Stück. Das Komische, Groteske nur eine Facette davon.

Das zu Grunde liegende Thema bleibt angedeutet und subtil, die Bildersprache in der Komposition von Bühne, Video und Performance wunderschön und stimmig.

Anders in Report on Giving Birth, wo Technik und Multimedia manchmal Überhand zu nehmen drohen. Das Publikum hetzt zwischen Betten und Laken (sehr schön das Bühnendesign) von einem Schauplatz zum nächsten, mal eine Videosequenz da, mal ein Livemitschnitt dort. Die Rolle der Frau, Einkindpolitik, Abtreibung, Kindesentführungen, Zwangsarbeit, Machtverhältnisse – das Living Dance Studio nimmt sich im repressiven China kein Blatt vor den Mund und entwickelt rund um das auf den ersten Blick recht unverfängliche, weil universelle Thema Geburt ein durchaus politisches Stück.

Zwei bemerkenswerte Arbeiten von bemerkenswert mutigen Menschen.


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