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Displaced, das mag an diesem Abend für vieles stehen. In schickem Interieur trifft man sich, um zu konsumieren, was modisch Asian Dinner Stories heißt. Das Huhn in Flammen (an dieser Stelle sei Frau Gu Lijuan für das wunderbare Essen gedankt!) als hors d’oeuvre, die tanzenden Wanderarbeiter als Hauptgang. Last but not least Wu Wenguang himself, der auf teils schwer verdauliche Fragen zum Nachtisch Rede und Antwort stehen muss. Das gemeinsame Essen nimmt in der kommunistischen Marktwirtschaft China eine zentrale Rolle ein und ist, in Anbetracht von Begrüßungsformeln wie „Ni chi le ma?“ („Hast du schon gegessen?“), gutes Unterfutter für das neue „Artainment“-Format bei der Sommerszene.
Dreißig chinesische Wanderarbeiter, engagiert als Darsteller für eine Performance gemeinsam mit zehn Mitgliedern des Living Dance Studio. Wu Wenguang hat die neuntägigen Proben mit der Kamera begleitet und so ein filmisches Dokument über das Experiment „dance with farm workers“ geschaffen. Unterschiedliche Welten, unterschiedliche Erwartungen. Was ist Arbeit? Was ist körperliche Arbeit? Wo die Ökonomie der Bewegung aufhört und das Verschwenderisch-Spielerische beginnt, dort eine Grenze festmachen. Dreißig Wanderarbeiter haben sie im Laufe dieser ungewöhnlichen Lohnarbeit überschritten. Was ist der Wert von Arbeit? Die Ausbeutung als allmächtige Konstante im Leben und das Misstrauen denjenigen gegenüber, die Arbeit geben, steht zu Beginn. Vorgeführt, unwohl, Ware die Körper der Exponierten. Die Ein- und Ausschlussprinzipien der Gesellschaft widerspiegeln sich im mühsamen Anlaufen von „dance with farm workers“, den hehren Zielen des Projektes zum Trotz. Kunst muss man sich leisten können. Das gilt auch, aber in ungleich beschränkterem Maße für die Lebenswirklichkeiten in den so genannten Industrieländern. Wer konsumiert Kunst? Wer macht Kunst? Wer kauft Kunst? Andy Warhols 15 minutes of fame werden dreißig chinesischen Wanderarbeitern zu Teil. Die Ware Mensch, die sich auf den Straßen Beijings zu Spottpreisen feil bietet und schindet, die anonyme Masse von Körpern, die die olympischen Fassaden hochzieht, dort wo Geschichte war und nun 2008 ist, diese Ware wird Subjekt. Das Subjekt hat einen Namen und seine Existenz, sein Schuften und Schinden, sei’s mit Ziegelsteinen oder hinter Nähmaschinen, rückt von der Peripherie, jenem verdrängten Teil des Wirtschaftswunders China, ins Zentrum. Einen Abend lang. Das Unwohlsein in der neuen, flüchtigen Rolle als Darsteller vorbei, wenn die Stimmen den Raum füllen mit Traditionen und Liedern aus einer vergessenen Welt. Ebendort ist zu Hause, ist die Würde geblieben. Das Glück, das eine Zuschauerin in die Gesichter der Wanderarbeiter hineinromantisiert – „The farm workers seem to be happy even though their life is so miserable. Is that a Chinese trait?“. Das Glück ist anderswo.
Die bittere Erkenntnis steht am Schluss: Art cannot change the world. Demokratisierung der Kunst und Empowerment der Ohnmächtigen bloß Episoden. Am Ende überrollt das olympische Kapital alles und jeden.
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